Rübe Nummer 2
hrsg. Vincent Klink und Stephan Opitz; Einbandzeichnung und Eröffnungsbild von Volker Kriegel
Frühling 1990
Ich bin fest überzeugt, daß mein hartnäckiges Überleben, außer
von den Plänen der Vorsehung oder von den Erhebungen des Karmas,
davon abhängt, daß ich mich, praktisch seit meiner Geburt,
niemals des Essens enthalten habe. Wahrscheinlich habe ich auch
vor meiner Geburt gegessen, vermute aber, daß es sich um eine
karge, eintönige und aufgezwungene Kost handelte, da sie mir
nicht im Gedächtnis geblieben ist; ein mir befreundeter
Kinderarzt versicherte mir überdies, daß die Fetusse weder
Speise- noch Weinkarte kennen, sondern wie die Touristen immer
dasselbe Menu vorgesetzt bekommen. Daß ich, indem ich esse, bis
auf den heutigen Tag überlebt habe, bringt mich auf den
Gedanken, die Speisen hätten magische Eigenschaften, enthielten
wunderwirkende Geheimnisse, verborgene Wunderdinge, mit denen
wir uns noch nicht hinreichend befaßt haben.
Giorgio Manganelli
Dies Volk ist zweitklassig. Ohne Anlage zu Differenzierung u.
Helligkeit u. moralischer Verfeinerung. Das tiefste u. das
schmählichste Volk, das dümmste, das uneuropäischste. Ein
klägliches Vaterland.
Gottfried Benn
Die deutsche Küche überhaupt – was hat sie nicht alles
auf dem Gewissen. Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in
venetianischen Kochbüchern des 16. Jahrhunderts alla tedesca
genannt); die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig
gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise zum
Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen
Nachguß-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloß der alten
Deutschen dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen
Geistes – aus betrübten Eingeweiden …... Der
deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit nichts fertig.
Friedrich Nietzsche
Allen Menschen, die sich unbekümmert dem Genuß des Essens und
Trinkens hingeben dürfen, strömt eine naive Kraft ein, von der
sich jene, die mühselig und beladen sich an den Tisch schleppen
oder aus welchen Gründen auch immer Zurückhaltung üben, nur eine
unvollkommene Vorstellung machen können. Unter unbekümmertem
Genuß braucht nicht die grobe Form des Fressens und Saufens
verstanden werden. Ich meine den Wohlstand einer gutgebauten
Konstitution, der die Fähigkeit fruchtbarer Umsetzungen gegeben
ist und einer gemäßigt anstrengenden Gewinnung der Nahrung
… Es gibt keine menschliche Leistung, die nicht auch
durch den Magen gegangen ist.
Hans Henny Jahnn
11 BÄRENHUNGER
Günter Frorath
Mit zwei unternehmungslustigen Frauen von Booth
15 DAS LEICHTE SCHUBIDU DER GASTRONOMEN
Arne Krüger
Mit einem Klartext sprechenden Kellner von Sidney Harris
18 BROTBRIEF AN JOHANN CHRISTIAN DIETERICH
Von Georg Christoph Lichtenberg
20 VOM RECHTEN ESSEN UND TRINKEN
Axel Marquardt
Mit einem desillusionierten Koch von Nikolaus Heidelbach
35 WISSENSWERTES VOM SPINAT
Eugen Egner
36 WIE MAN DEN KLECKERER ÜBERLISTET
Verena Reichel
Mit einem Großkleckerer von Heribert Lenz
44 DAS EINMACHEN VON RÜBEN
L. Iunius Moderatus Columella
45 RUND WIE DIE ERDE
Eine Apotheose des Knödels
Eva Demski
51 DIE VOLLWERTKOST BEISST ZURÜCK
Volker Kriegel
52 VINCENT KLINKS RÜBENWURF
Mit zwei Telephagen von B. Kliban
55 HAU WEG DIE SPEISE
Junk-Food versus Vollwertkost.
Hans Kantereit
Mit jugendlichen Bestellern von Achim Greser
62 STERBENDES BLAU
Fanny Morweiser
Mit einem speisenden Ehepaar von Achim Greser
72 NOTIZ AUS DER BERUFSBILDUNG
Achim Greser
73 AUS KULINARISCHEN BRIEFEN
Gottfried Keller und Marie Exner
Mit originalen Kellern von Hans Traxler
79 FEHLINGERS MAHL
Wolf Dieter Bach
Mit einem Tranchierer von Nikolaus Heidelbach
82 WILDKANINCHEN
Manfred Führer
Mit einem Gastwirt von Heribert Lenz
85 MUNDWERK
Gisbert Haefs
Mit einem erledigten Koch von Clem Scalsitti
und einem reisenden Hummer von Michael Crawford
106 AUS DEM TAGEBUCH DER ALICE SCHMIDT
107 AUERHAHN — ABER RICHTIG
Rene Simmen
Mit einem richtigen Raben von Volker Kriegel
111 FREDMANS EPISTEL NR. 63
Carl Michael Bellman
Ins Deutsche übertragen und mit einem Notenblatt
geschmückt von Christof Stählin
113 AUS DEN MEMOIREN EINER SCHWEINEZÜCHTERIN
ODER EIN VERSAUTES LEBEN
Cora Stephan
123 AUS DEM FOTOALBUM EINER SCHWEINEZÜCHTERIN
Tatjana Hauptmann
124 HAIL TO THEE SNITZEL
Axel Marquardt
Mit einem unverdaulichen Wort von Catherine O’Neill
125 OLIVEN
Eva Lamparter
130 DAS OHR AM TELLER
Keto v. Waberer
136 WINKLERS LETZTE MELDUNG
August Winkler
Mit einem Garkoch mit Gräten von Ari Plikat
140 DIE NACHTEILE DES WIRKLICHEN LEBENS
Ror Wolf
Mit wirklichen Hummern von Gerd Bauer
142 HERING
Stephan Opitz
Mit einem Exkurs über die Fischerei von Karl Walter
und einem Karpfenabschied von Heribert Lenz
150 WAS SIE SCHON IMMER ÜBER SENF WISSEN WOLLTEN
Reinhold Krämer
154 KNOBLAUCH — VIELFÄLTIGE WIRKUNG
Ruth Walter-Matsui
157 DIE SCHARFE KEHLE ODER AIOLI UND DIE FOLGEN
Jörg Weigand
161 BARRIQUE-WEINE IN DEUTSCHLAND
Armin Diel im Gespräch mit Vincent Klink
167 DER WEINPROPHET
Gerhard Mensching.
Mit einem melancholischen Lebensretter von Peter Neugebauer
176 ESPRESSO FÜR OBERICH
F. W. Bernstein
177 ÜBER DIE ENTSTEHUNGEN DER GESCHMACKSEMPFINDUNGEN UND DIE
ANSIEDLUNG DES BEGIERIGEN TEILS DER SEELE IM BAUCH
Platon
Mit einem Titan bei Tisch von F.W. Bernstein
182 DIE KONFERENZ VON STRESA
Paar Genauigkeiten zur EG
Wulff Wendelstein
Mit dem Ei des Kolumbus von Achim Greser
192 Statt eines Nachworts:
EIN MÜNSTERANER KÄLBERZÜCHTER IM HABERMAS-SEMINAR
Kleines Briefchen an Wolfram Siebeck.
Stephan Opitz
Anhang
195 NACH- UND HINWEISE
205 RÜBES RESTAURANTFÜHRER
Mit einer Einleitung von Gerd Bauer
229 DIE RÜBE RÜHMT
240 DIE RÜBE FREUT SICH
Gerd Bauer
241 DIE RÜBE RÜGT
245 REZEPTE LETZTER HAND
Mit einem nützlichen kulinarischen Wörterbuch von Gerd Bauer
Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 30. Januar 2008