Damen Conversations Lexikon, 1834
Schon in den ersten Zeiten des Lebens treten die
Unterscheidungszeichen des Geschlechts körperlich und geistig hervor.
Das Mädchen ist zarter gebaut, hat einen kleinern Kopf, zierlichere
Knochen, nährt und zieht sich leichter auf, und gedeiht bei
dürftigerer Nahrung als der Knabe. Sitte und Erziehung geben dem
kleinen Mädchen bald das äußere Gepräge, obgleich die Kindergestalten
in den ersten Jahren nach gleichem Schritt gehen. Bald aber überholt
das Mädchen geistig den Knaben, dessen Körper zwar schneller wächst,
der aber vom Mädchen im Gebrauche bald übertroffen wird. Des Knaben
Spiele sind Kampf und tobende Lust, das Mädchen nimmt noch lebhaft
Theil daran, aber baldige Erschöpfung beweist, daß diese Freuden ihm
zu heftig, für die Kräfte unpassend sind. Kaum ein Jahr alt spielt
das Mädchen mit der Puppe in der Ahnung seiner künftigen hohen
Bestimmung, und diese prägt sich in jedem Spiele, in jeder spätern
Beschäftigung aus. In den ausgehenden Kinderjahren ist das Mädchen
schon zierlich, natürlich kokett, sorgfältig in Kleidung, die es
schon als Kind beglückte. Im 15. Jahre ist das Kind zur Jungfrau (s.
d.) geworden, der Körper erlangt die seiner Bestimmung nöthige
Vollkommenheit, Fülle und Schönheit und den bezaubernden Glanz edler
Weiblichkeit. Der weibliche Körper ist schwächer, der Charakter
nachgiebieger; das Gehirn und Nervensystem überwiegend, der Geist
brillanter, die Brust enger, die Seele fürchtend; die Organe der
Verdauung thätig, die Ernährung lebhaft; die Stimmungen sind
wechselnd, weil der Körper von so manchen Beschwerden heimgesucht
wird, und es entsteht der Hang zu Zerstreuungen, um jene vergessen zu
machen. Später wenn das Mädchen Gattin und Mutter wird, tritt der
weibliche Körper auf die höchste Stufe seiner Kräfteentwickelung und
beurkundet eine unendliche Weisheit des Schöpfers, eine große
Ausdauer in Beschwerden und Aufopferungen. In den Jahren von
42–50 gehen im weiblichen Körper Veränderungen vor, welche eine
Abnahme seiner edlern Kräfte beurkunden und das Alter ankündigen. Im
Allgemeinen ist das weibliche Geschlecht schneller im Durchleben der
ersten Lebensalter. Es reift zeitiger, aber es altert auch früher.
Ein thätiges, bewegtes Leben, Vermeidung zu vieler geistiger
Anstrengung und verzehrender Leidenschaften, ein häuslicher,
kräftiger Sinn, eine sorgsame, aber nicht ängstliche Pflege des
Körpers, das sind die sichersten Bürgen für ein hohes Alter auch bei
dem weiblichen Geschlechte.
D.
Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 5. Juni 2005