Georg Christoph Lichtenberg an Johann Christian Dieterich.
[Osnabrück, ca. 15. Januar 1773]
Gevatter,
[…]
Ich weiß nicht ob Du den großen gelben Hosenknopf gekannt hast,
den ich voriges Jahr zu oberst an meinen Hosen trug. Es war der
eintzige metallene an meinem gantzen Leibe. Er hat mich nie
verlassen, seit 1769 versah er diese Stelle mit einer für einen
Hosenknopf bewundernswürdigen Treue und Ernst. Da ich hier
merckte daß ihm der Dienst sauer wurde, so adjungirte ich ihm
einen neuen Modeknopf, der ehmals auf Swantons’ Uniform
gesessen hatte, das Regiment liegt jezt in Minorca. Dieses nahm
er übel. Im December fieng er an zu klagen und den Kopf zu hängen
und gestern Nachmittag zwischen 3. und 4 zerriß das Band das uns
über 3 Jahre an einander geknüpfft hatte, ich meine die Saite im
Holtz und er lag vor mir auf der Erde. Ich nahm den armen Teufel
auf und sah ihn eine Zeitlang an mit einem Mitleid als wenn er
mein Neben Geschöpf gewesen wäre. Habe Danck, sagte ich ihm,
erster unter den Knöpfen, für Deine Dienste. Wer weiß ob ich nun
nicht ewig die Hosen heben muß. Ruhe sanfft, ein Philosoph
erkennt Deinen Werth, und damit flog er in einen Bach, der unter
meinem Fenster wegfließt, so dichterisch als je einer in einem
Liedchen gemurmelt oder gerieselt hat. Wandrer, sieh diesen
Hosenknopf, den treusten seines Geschlechts, an, statt über
dieses Lob zu lachen, so fühle erst, ob Dir der Deinige noch
festsizt, und gehe weiter.
[…]
Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 28. Dez. 2001