Berlin 4. April 91. Potsd. Str. 134.c.
Meine liebe Mete.
[…]
Nur eine Tugend ist ihr wie ihm glänzend versagt geblieben, die des
Erziehers. Und das ist insoweit schlimm, als die armen Kinder die
Zeche bezahlen und für die elterlichen Unthaten aufkommen müssen. Bei
der Kleinen, die sehr niedlich und temperamentvoll ist, zeigt sich
noch wenig davon, desto mehr bei meinem Freund Otto. Er ist bereits
total ruinirt, natürlich nicht für’s Leben, all das wächst sich
später wieder aus, aber doch für die Gegenwart. ‹Otto will
Milch, Otto will nicht, Otto ist auch süß (wenn die Kleine
gestreichelt und ein ‹süßes Kind› genannt wird), Otto
hat es im Bäuchl, Otto will raus, Otto (wenn er zurückkommt) hat ein
Würstl und Pipi gemacht› und nach dieser gefälligen
Berichterstattung fängt er an zu rülpsen. Dann sagt die Mutter:
‹Der arme Junge, er leidet so daran.› So geht es in
einem fort. Dabei, glaub ich, ist es ein gutes Kind, aber, auf
Erziehung angesehn, ein Monstrum, das im Panoptikum gezeigt werden
kann, wie der ‹Junge mit 2 Köpfen›. Ich kann mich nicht
entsinnen, in meinem langen Leben etwas so
‹Verrungenirtes› gesehn zu haben. Und das ist das Kind
einer guten Mutter und eines ausgezeichneten Vaters, ausgezeichnet an
Herz, Verstand, Wissen und – Anspruch. Mir schwindelt.
[…]
Wie immer Dein alter
Papa
Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 12. Apr 2004